Posts mit dem Label Brasilien werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Brasilien werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 17. Februar 2008

Brasilien: Rio de Janeiro

Rio de Janeiro. Es gäbe vermutlich unendlich zu schreiben über die ungeahnt schöne und interessante Stadt. Da wir uns verleiten liessen nur kurze Zeit in dieser Stadt zu verweilen und alle wichtigen Sehenswürdigkeiten in zwei Tagen zu besuchen, halte ich mich hier etwas kürzer J.

Sebnem hat natürlich innerhalb kurzer Zeit ihren Schönheitsschlaf gefunden und ich habe begonnen die inexistenten Strassenlaternen auf der Autostrasse von Florianópolis nach Saõ Paulo zu zählen. Wir hatten Sitz 3 & 4 direkt vorne am Bus mit Blick auf die dunkle Strasse und optimalen Blendverhältnissen, wenn wieder einmal ein Lastwagen mit Flutlicht entgegen kam. Ich war kurz vor der Erblindung als wir in Saõ Paulo ankamen und sichtlich müde. Es sind solche Momente, in welchen man in einer Partnerschaft reisend versuchen sollte, möglichst nicht viel zu sprechen oder sich zu nahe zu kommen. Man ist einfach auf alles empfindlich. Wir haben uns jedoch zusammengerauft und sind gleich hoch in den zweiten Stock des Busterminals, wo man die Tickets kaufen kann. Bei der erst besten Gesellschaft haben wir sodann die Tickets nach Rio de Janeiro gekauft und uns auf den Weg zur Plattform 14 gemacht. Dann kommt meistens der typische Ablauf nach einer Busreise: Im Tumult der sich nach vorne preschenden Lokalen sein Gepäck ergattern, gestaffelt Toiletten aufsuchen und Geschäft verrichten, Kaffeestand suchen und einen Kaffe Latte und ein Eingeklemmtes verdrücken und sich dann versuchen zu erholen. Die Wartezeit war kurz und wie so üblich war unser Bus zu spät, vielleicht eine Viertelstunde, aber die uns in der Schweiz einzementierte Pünktlichkeit lässt sich doch schwierig ausmerzen; wir sind und bleiben auch nach gut Dreivierteljahr Südamerika zeitbewusste Europäer. Die Laxheit der Lateinamerikaner imponiert, die traditionelle Genauigkeit und das leicht militante Ordnungsbewusstsein jedoch sind indoktriniert und weichen Ersterem nicht.

Die 5-Stunden Fahrt nach Rio de Janeiro verging wie im Fluge und auch die Sitze fühlten sich viel bequemer an. Ich fand sogar ein paar Stunden den dringend nötigen Schlaf. Ironisch; behaupte ich doch immer, dass wenn einer nicht schlafen kann, er auch nicht wirklich müde ist. Fährt man von Saõ Paulo nach Rio de Janeiro erwartet man als vorbereiteter Tourist jederzeit entweder die Christ Redeemer Statue oder den Zuckerhutberg zu erblicken. Meiner Meinung nach habe ich bis beim Busterminal angelangt keine der beiden Sehenswürdigkeiten gesehen. Man darf aber auch die Grösse und die Topologie von Rio de Janeiro nicht unterschätzen.

Wir oder besser gesagt Sebnem wieder einmal haben uns das Ace Hostel (Tel: (21) 2527 7452, Rua São Clemente 23, 1st Floor, Botafogo, http://www.acehostels.co.br/) im Stadtviertel Botafogo ausgesucht. Im Nachhinein gesehen für die zwei Nächte die wir nur in Rio de Janeiro verbrachten haben, eine weise Entscheidung. Das Hostel ist sehr zentral gelegen direkt am Praia Botafogo. Busse ins Zentrum und Copacabana / Ipanema sind in unmittelbarer Nähe, jedoch sind sich die Leute in der Umgebung nicht immer einig, in welche Richtung ein Bus fährt; die Buschauffeure jedoch sind unglaublich hilfsbereit und geduldig. Wir haben uns ein Doppelzimmer geleistet und abgesehen davon, dass es keine Fenster hatte und eher einem Bunker glich, war es anständig sauber und mit air conditioning. Wir hatten Glück mit dem Wetter in Rio de Janeiro; wie einer der Angestellten uns erzählte, hatte es die vorherigen 10 Tage konstant geregnet und als ich nach unserem Abflug auf die Osterinsel wieder die Wettervorhersage überprüfte, regnete es wieder in Rio.

Wir haben uns gleich auf den Weg gemacht, um die nötigen Lebensmittel einzukaufen und uns etwas zu organisieren in der Stadt. Es wurde uns empfohlen, den Pan de Azucar (Zuckerhut) gegen Abend zu besuchen, denn mit etwas Glück könne man Zeuge des wunderschönen Abendrotes über Rio werden. Zur Talstation des Pan de Azucar kann man zu Fuss gehen von unserem Hostel aus. Dort bezahlt man gesalzenen Preis (ca. USD 20$ pro Person), um dann zur Mittelstation und Endstation zu fahren. Bei der Mittelstation steigt man aus, macht einen Besichtigungsrundgang und geht dann zur zweiten Seilbahn, welche einem zur Endstation befördert. Oben angekommen hat man einen wunderschönen Rundblick auf viele Stadtviertel von Rio, inklusive den beiden berühmten Stränden Copacabana und Ipanema. Oben angelangt findet man auch noch eine Snackbude, die entsprechend der Lage angenehm günstig ist. Was noch speziell ist, ist die Tatsache, dass man immer wieder einmal jemanden von unten her die Wand heraufklettern sieht; der Zuckerhut ist ein beliebtes Kletterobjekt und es werden sogar Klettertouren für alle Grade (bis 8c+) angeboten. Da ich als Hobbykletterer sehr daran interessiert war, liefen wir zu zwei jungen lokalen Kletterern, die gerade eine 7a Wand Free Solo geklettert waren (für die Nichtkletterer unter den Lesern: Freeclimbing bedeutet nicht wie fälschlicherweise immer angenommen, das Klettern ohne Seil; Solo Klettern bedeutet klettern ohne Seil.) Die zwei gaben mir ihre Adresse für den Fall, dass ich noch Zeit und Lust finden würde, so eine Pan de Azucar Besteigung in Angriff zu nehmen.

Wir genossen noch den wenig spektakulären Sonnenuntergang und fuhren dann mit einem der letzten Talfahrten hinunter in das nicht mehr so hektische Rio de Janeiro. Wir nahmen den erst besten Bus, dessen Chauffeur uns bestätigte, dass er ins Botafogo Stadtviertel fahren würde und brausten los. Leider fuhr der Bus eine Strecke, die wir überhaupt nicht kannten in einer Stadt, die wir nicht kannten und so war es sehr schwierig abzuschätzen, wo man denn aussteigen sollte. Wie durch einen Zufall entschieden wir uns korrekt uns der Bus hielt nicht unweit vom Hostel entfernt an. Mittlerweile war es schon Nacht und wir waren froh, nicht noch lange durch die Strassen Rios zu irren.

Am darauf folgenden Tag standen wir sehr früh auf mit dem Ziel die berühmte Christusstatue, den Christ Redeemer, zu besuchen. Wir sind beide sehr fern von religiös und besitzen auch unterschiedliche Religionswurzeln, aber so eine berühmte Sehenswürdigkeit muss man sich schon angucken gehen. Es gibt von unserem Hostel aus in Botafogo zwei Busse, den 584 und den 583 Richtung Zentrum, welche einem in die Nähe der Talstation fahren. Von dort aus gibt es mehrere Möglichkeiten, den Berg hinauf zum weissen Christussymbol zu gelangen. Einen Touristenzug, ähnlich zu Machu Picchu, man kann zu Fuss oder mit dem Fahrrad hinauf fahren, oder man mietet sich ein Taxi. Bei letzterem gibt es zwei Varianten: Die normalen Taxis, welche man mit bis zu 3 oder 4 Personen teilen kann und dann gibt es noch so einen speziellen Taxiservice von Leuten, welche einen Kleinbus besitzen und einen an noch an verschiedene weitere Aussichtsorte transportieren. Sie stehen in direkter Konkurrenz zur Bahn und verlangen in etwa USD 2$ weniger für ihren Service. Dafür fahren sie aber auch nur, wenn es genügend Leute hat oder die Leute schon genügend lange warten mussten. Als uns so ein Vertreter dieses Services mit einer laminierten Tafel entgegen rannte, läuteten bei uns schon die Alarmglocken. Im Gespräch stellte es sich heraus, dass der Typ offensichtlich alles sehr legal angeht und die Touristen einfach früh abpassen muss, damit sie nicht alle auf den Zug rennen. Wir entschieden uns daher kurzfristig für den Kleinbus, ohne Aufschrift eines Reiseveranstalters oder dergleichen. Mit von der Party war noch eine junge dynamische Familie aus Saõ Paulo, welche auch etwas Zweifel hatte bei der Aktion aber vermutlich wie wir dachten, dass man halt im Notfall USD 10$ pro Person verlieren würde. Die ganze Angelegenheit entpuppte sich als den perfekten Transportservice, um die Christ Redeemer Statue zu besichtigen.

Wir fuhren zuerst zur Statue hoch, da am Morgen früh die ersten Leute oben vor dem ersten Zug und eventuell vor den unzähligen Tagestourbussen noch die Möglichkeit haben, Fotos zu schiessen, ohne darauf Dutzende von Touristenköpfen zu haben. Als wir ankamen, war es relativ ruhig, 5 Minuten danach kamen die Massen schon in Strömen hinauf geschossen und machten innerhalb wenigen Minuten ein Durchkommen zum Ausgang (ein Liftservice führt hoch und runter zur Statue auf der Bergspitze) zum Albtraum. Wir schossen noch ein paar Fotos von der Familie, da diese nicht so eine gute Kamera hatten und wir ihnen versprachen, dass sie die Fotos dann später herunterladen können. Wir hatten eine sehr amüsante Zeit mit der Familie (ein sportlicher Vater mit seinen zwei Söhnen im Mittelschulalter und seiner jungen Geliebten, die vermutlich noch jünger als ich war) und standen auf der gleichen Wellenlänge. Eigentlich wollten die uns 1.5 Stunden Zeit geben auf dem Berg, aber es fanden sich dann alle schon nach gut einer halben Stunde wieder auf dem Parkplatz ein, sehr zur Freude des Busfahrers, welcher schon bei der Abfahrt fluchte, dass es zu wenig Touristen seien für eine Kleinbusfahrt den Berg hoch. Er fuhr auch dementsprechend schnell, was für uns wiederum vorteilhaft war, denn somit kamen wir früher bei den Sehenswürdigkeiten an. Die nächste Station war ein Aussichtspunkt auf den Pan de Azucar und danach ging es weiter zu einem weiteren schönen Aussichtspunkt mit angebundenem Helikopterlandeplatz. Wir schossen ein paar Fotos und waren dann rund 2 Stunden nach der Abfahrt wieder beim Parkplatz unten angelangt.

Wir erzählten der Familie, dass wir nur zwei Tage in Rio de Janeiro bleiben würden und unbedingt noch die beiden berühmten Strände Ipanema und Copacabana sehen wollten. Sie offerierten uns kurzerhand, dass sie uns an den Copacabana Strand fahren würden; ein Angebot, das wir dankend annahmen. Nach einer kurzen Irrfahrt kamen wir beim Strand an, tauschten die Email-Adressen aus und verabschiedeten uns Richtung Strandleben.

Ich weiss nicht so recht, wie ich das Strandleben in Rio de Janeiro an den berühmten Schauplätzen beschreiben soll (man könnte Bücher darüber schreiben), daher beschränke ich mich auf ein paar kleine Details. Was uns natürlich immer wieder auffällt in Brasilien sind die Männer, die keine Mühe scheuen, um sich und ihr bestes Stück in die engsten knapp transparenten weissen oder rosaroten Badehosen zu zwängen. Wir haben versucht, das etwas auf Bild festzuhalten, jedoch wollten wir uns nicht wie Paparazzi verhalten. Nach ein paar guten Lachern waren auch schon am Ende des Strandes angelangt, wo wir der lokalen Marine einen kleinen Besuch abstatteten. Es gibt zwei Eintrittspreise für Touristen, einen mit internem Museumsbesuch gekoppelt und einer nur für die äusseren Begebenheiten. Wir entschlossen uns einstimmig, das Museum nicht zu besuchen J. In der Marina gibt es ein nettes sehr teures Kaffee, welches einem eine ruhig Ambiente mit Sicht auf den Copacabana Strand bietet.

Wir schlenderten danach weiter Richtung Ipanema Strand, welcher mir persönlich viel besser gefiel. Ich ging auch kurz ins etwas kalte Wasser, nur um sagen zu können, dass ich in Rio gebadet habe, einmal in meinem Leben. Ich würde mich niemals dazu entscheiden in diese Hektik zurückzugehen, wo man Schulter an Schulter mit Surfern (inmitten der badenden Leute), Bodysurfen, pissenden Kleinkindern und muskelbepackten Enghosenträgern den Ozean teilen muss. Die Südamerikaner stehen einfach auf geselliges Zusammensein und diese Tradition ändert sich nicht im Geringsten in Brasilien.

Nach ein paar obligatorischen Fotoschüssen mit etwas nackter braungebrannter Haut nahmen wir wieder einen Bus zurück zum Hostel und fingen an, uns auf die Weiterreise auf die Osterinsel vorzubereiten. Dies würde unsere letzte Station in Südamerika sein und wir freuten uns ungemein auf diese mystische Insel.

Rio selbst bleibt uns, obwohl nur sehr kurz besucht, in sehr guter Erinnerung: Freundliche Menschen in einer sehr interessanten vibrierenden Stadt und ich bin mir sicher, dass man ein halbes Leben in Rio verbringen könnte und immer wieder etwas Neues entdecken oder erleben würde.

Die Bilder (die Nacktbilder der Topmodels haben wir nicht hochgeladen) der Strände und den Besuchen der Sehenswürdigkeiten findet ihr hier:

Sonntag, 10. Februar 2008

Brasilien: Florianópolis

Wie im vergangenen Bericht erwähnt fuhren wir Richtung Florianópolis, um etwas von den berühmten Stränden Brasiliens zu sehen. Für mich ist das Strandleben in Brasilien immer mit viel nackter Haut in Erinnerung gebrannt und so wollten wir doch einmal sehen, ob sich wirklich die schönsten Menschen der Welt an der brasilianischen Sonne räkeln.

Es gibt so ein paar Mythen, die man als Reisender immer wieder mitbekommt: In der Schweiz gibt es nur Schnee und kaltes Wetter, alle in der USA lebenden Leute sind Bush-Liebhaber und/oder fettleibig, Argentinien besitzt das zarteste und schmackhafteste Fleisch auf der Welt, alle Leute in Südamerika sind braun oder dunkelhäutig mit schwarzen Haaren, alle Australier sind Surfer, Asiaten vertragen keinen Alkohol, Türken sind Araber, in Afrika sind alle schwarz und arm … ich könnte fast beliebig weiterfahren. Die Leute haben wirklich unglaublich lustige Meinungen über andere Kulturen und manche Meinungen halten sich vehement fest, weil alle Reisenden schon mit dem Vorurteil in ein Land reisen und es dann solange suchen, bis sie es für sich bestätigen können. Dann wird es frohlockend weiter geleitet. Zwei für mich interessante Beispiele: Erwähnst Du in einem Hostel, dass Du nach Kolumbien fährst oder dort warst, kommen alle sofort mit der FARC und der ungezähmten Gewalt. 99% dieser Leute waren nicht einmal in Kolumbien, kennen nicht mal dessen Staatsoberhaupt oder wüssten geschwiegen dann, was FARC bedeutet. Prädominant jedoch halten sich die folgenden Aussagen, wenn man sich über Argentinien unterhält: Das Fleisch ist das Beste auf der ganzen Welt und die Frauen sind die Schönsten von ganz Südamerika. Jeder wird das schon gehört haben, wenn er mit jemanden über Argentinien diskutiert hat. Es ist jedoch beruhigend zu wissen, dass niemand jede Frau in Argentinien kennt und sicherlich auch nicht in jedem Land Fleisch gegessen hat. Die Frauen in Argentinien sind wirklich sehr schön und das Fleisch im Normalfall auch sehr gut, aber mindestens so gutes Fleisch kann man in Texas, Kroatien oder Australien essen. Die Frauen in Kolumbien sind auch wunderschön und im Gegensatz zu den Frauen in Argentinien sehr zugänglich und freundlich. So, jetzt haben wenigstens unsere Leser neue Mythen zu verbreiten.

Wie gesagt fuhren wir mit dem Bus über Nacht nach Florianópolis. Die Fahrt dauerte in etwa 12 Stunden und wir kamen ziemlich pünktlich auf der sonnigen Insel an. Obwohl wir schon des öfteren erwähnt hatten, dass uns 12-Stünder im Bus nichts mehr ausmachen, sind wir doch erleichtert zu wissen, dass die Busreisen in nicht allzu ferner Zukunft der Vergangenheit angehören werden, denn schon in wenigen Wochen werden wir Südamerika verlassen und in die Kulturen und Sprachen Polynesiens eintauchen.

Ein paar Tage zuvor hatten wir aus dem Hostel in Sao Paulo per Zufall die Adresse des Hotels Pousada do Marujo in Florianópolis gefunden und ich rief prompt dort an und war zuerst schon über das fast perfekte Englisch der mit einer gelassen-ehrlich antwortenden Frau (Ida) erstaunt. Wir verstanden uns per Telefon schon prächtig und Ida gab mir das Gefühl, dass wir einen guten Ort gefunden hätten, was sich im Nachhinein auch bestätigte. Hier zuerst einmal die Adresse:

Hotel Pousada do Marujo (Ida & Erich), Rod. João Gualberto Soares, 17.421 –Barra da Lagoa, Florianópolis – Iiha de Santa Catarina, www.guesthousemarujo.net, Tel.:0055 48 3232 33 57, 0055 48 3232 7638

Ida hatte volles Verständnis für unsere finanzielle Lage und kam uns mit dem Preis sehr entgegen (auch weil ich ihr versprach, dass wir sicherlich 10 Tage dort bleiben würden). Das Problem war, dass sie eigentlich nur noch eine 3-er Behausung zu vermieten hatte und der Preis natürlich für 3 Personen gerechnet war. Zusätzlich erklärte sie mir sehr faktisch und offen, dass sie eigentlich nur 3-4 Monate im Jahr wirklich am Tourismus mitverdienen kann. Danach ist es in Florianopolis schon wieder zu kalt und die Ferienzeit der meisten Reisenden vorüber. Wie auch an anderen Orten in Brasilien wird während der 1-2 Wochen Karneval der höchste Umsatz des Jahres gemacht und die Leute müssen den Rest des Jahres ihre Rechnungen damit bezahlen. Für die meisten Rucksacktouristen ist Brasilien während der Sommermonate praktisch unerschwinglich und die Preise steigen Jahr für Jahr. Kurzum habe ich mich anhand der ehrlich tönenden Stimme schon für die Unterkunft entschieden und ein kurzes Absprechen mit Sebnem bestätigte meine Meinung; wir sagten zu. Sie erklärte mir nochmals ausführlich, wie wir von der Busstation in Florianopolis zu der Behausung in Barra da Lagoa fahren könnten. Im Prinzip sehr einfach: Man läuft aus dem Terminal hinaus und zum lokalen Busterminal etwa 100 Meter weiter vorne. Dort sucht man sich das Schild aus, wo Lagoa de Concepçaõ drauf steht und steigt in den Bus. Man bezahlt für eine Busfahrt nur einmal, dann kann man im Prinzip beliebig lange herumfahren, solange man die lokalen Busterminals nicht verlässt. Steigt man an der Haltestelle aus, dann ist bei einer späteren Weiterfahrt wieder der Preis von 2.30 Reais (1.50 CHF) zu entrichten. In Lagoa de Concepçaõ angekommen schnappt man sich den Bus Richtung Barra de Lagoa. Dabei gibt es dort zwei Haltestellen, eine wo directo und eine wo semi-directo draufsteht. Man würde meinen, dass dies Hinweise auf die Fahrtzeit und Richtung sein könnten, aber weit gefehlt. Wir wissen es bis heute nicht so genau, was der Unterschied von directo zu semi-directo in Florianopolis bedeutet und die Bewohner der Insel scheinen auch jeden Tag aufs Neue erprobt zu werden. Fragen ist hier angesagt, die Buschauffeure sind geduldig und meist sehr freundlich; auch mit Spanisch sprechenden Passagieren.

Gemäss Ida's unmissverständlicher Erklärung müsste man nach 10-15 Minuten Fahrt bei der oder kurz nach der Vorbeifahrt (Haltestelle 15, die Zahl hat keine uns erkennbare Semantik) Texaco Tankstelle aussteigen und dann noch 50 Meter laufen und schon wäre man da. Ich hatte die ganze Nacht kein Auge zu getan, denn die Sitze des Busses waren äusserst unbequem für mich. Wir stiegen also in den Bus ein und fuhren los. Nach gut vier Haltestellen und rund 5 Minuten Fahrt kamen wir an einer Texaco Tanke vorbei und ich habe sofort fast im Notaus-Prinzip die Leine zum gewünschten Stop gezogen. Unmissverständlich für normalsterbliche Leute heisst noch lange nicht, dass es für mich nicht noch einen Zweifel geben könnte; dieser jedoch war hier gänzlich unangebracht. Wir stiegen rund 10 Stationen und 10 Minuten zu früh aus. Ida in ihrer überaus freundlichen Art hatte mir schon beim ersten Telefongespräch offeriert, dass ich bei eventuellen Problemen aus Florianopolis aus jederzeit via R-Gepräch anrufen könnte. Von diesem Angebot machte ich jetzt Gebrauch und schon meldete sich eine vertraut ruhige und immer freundliche, hilfsbereite und intelligente Stimme mit mir unerklärlich vollem Verständnis für unsere Lage. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten, war die Tatsache, dass hinter dieser netten Person auch eine Art Workaholic steckt und sie gerade im Begriff war den Gästen Frühstück zuzubereiten. Sie offerierte mir jedoch sofort, dass sie uns Deppen persönlich abholen kommen würde. Ida kam mit ihrem kleinen Fiat angerauscht und die Herzlichkeit und Ehrlichkeit ihrer Person widerspiegelte sich im willkommenden Lächeln. Da der Fiat ohne Probleme zwei Personen mit ein wenig Gepäck transportieren kann, jedoch nicht mit unserer Bagage klar kam, entschieden wir uns das Surfbrett durch das Fenster haltend zu transportieren; Sebnem hinten ich vorne.

Als wir auf der Pousada ankamen, erwartete uns ein einladendes Bild: im Rechteck ausgerichtet befinden sich 8 Apartments aneinander gebaut, 5 Familienapartments und 3 Doppelzimmer. Eine kleine Einfahrt mit ausreichend Autoabstellplatz führt neben einem unglaublich sauberen Schwimmbecken (Erich, Ida's Mann, testet die Wasserqualität regelmässig sogar chemisch und reinigt es auch) direkt bequem vor die Haustüren der entsprechenden Apartments. Gleich neben dem intelligent gebauten weissen Eingangstor und vor dem Schwimmbecken befindet sich eine Art überdachter Gartensitzplatz mit sehr grossem Grill und einer kleinen aber komfortablen Kochnische. Daneben eine Toilette. Unsere Blicke fielen jedoch bald auf die unglaublich gut gebauten und sehr muskulösen Körper des fast ausschliesslich männlichen Klientel und zumindest bei meiner Wenigkeit wurden diese Blicke aus suchender Art erwidert. Wir waren just zur Zeit der berühmten Florianópolis Gay Parade angekommen und um uns schwirrten die schönsten nicht für Frauen zu habende brasilianischen Männer. Die Blicke verfolgten mich immer noch aber ich bin es mir mittlerweile gewohnt eher die Blicke von schwulen Kollegen auf mich zu ziehen als von zierlichen Latinas.

Die Insel besitzt gemäss unterschiedlichen Aussagen 42 Strände und mit dem öffentlichen Bus kommt man im Prinzip in die Nähe jedes Strandes. Es kann jedoch eine Geduldsfrage sein, denn möchte man zum Beispiel von Barra da Lagoa (etwas im Norden der Insel) in den Süden fahren, muss man mit mindestens zwei Stunden rechnen. Ich weiss nicht so recht, wo ich beginnen soll mit der Erzählung unserer vielen schönen Erlebnisse, aber wenn ich schon bei den Stränden bin, kann ich hier gleich auch diejenigen beschreiben, die wir besucht haben.

Praia de Moçambique: Der Strand ist auch als Praia Grande bekannt. Der Strand ist von Menschen nicht überlaufen und gilt mit seinen 9,5 km mit weissem Sand als der längste Sandstreifen von Florianopolis. Er wird oft von Surfern besucht. Der Zugang ist eigentlich am besten mit dem Auto zu bewältigen oder mit dem Surfbus (ein Bus, der sporadisch am Morgen und Abend an allen wichtigen Surfspots vorbei fährt und hinten gepolsterte Einstellplätze für Surfbretter hat). Das erste Mal fragt man am einfachsten nach der korrekten Einfahrt, denn die Beschilderung kann rar oder irreführend sein. Man kann auch vom Barra de Lagoa Strand zum Praia de Moçambique laufen, jedoch sind dies rund 5 km im weichen Sand an der prallen Sonne. Sebnem und ich haben das natürlich gemacht ganz unserer masochistischen Ader entsprechend. Auf dem Weg dorthin kommt man an einem Campingplatz (nicht sichtbar, aber es befinden sich immer irgendwelche Leute dort) vorbei und kurz danach kann man etwa 300 Meter draussen im Meer eine Boye mit zwei bis drei schwarzen dreieckigen Fähnchen erblicken. Dort war für mich eine der besten Wellen, wenn es in Moçambique schon heftig windete und die Wellen super klein waren in Barra da Lagoa. Ist ungefähr ein Marsch von 30 Minuten.

Barra de Lagoa: direkt neben Moçambique. Mehr Leute. Hochsaison: Kinderspielplatz für Kinder, Beachvolleyball Feld, Fussballfeld, etc. Dieser Strand eignet sich bestens, um mit Surfen zu beginnen. Die Wellen sind klein und vom Wind durch die Hügel geschützt. Dies war auch der nahste Strand von unserer Unterkunft in Barra de Lagoa. Er ist aber immerhin noch gut einen Kilometer davon entfernt.

Praia Galheta: Nudistenstrand zwischen Felsen versteckt und populär unter Schwulen. Von Barra de Lagoa erreichbar über einen Berg (rund 50 Minuten Gehzeit). Oder man fährt mit dem Bus nach Praia Mole und läuft von dort aus zum Strand. Einer der optimalsten Strände um ruhig und alleine zu surfen. Die Welle ist praktisch gleich wie am 200 Meter entfernten Praia Mole, aber wie es so mit den Paradiesvögeln von Brasilianern ist, die gehen nicht an einen Strand, wo sie sich nicht präsentieren können. Praia Mole ist der Innstrand mit vorwiegend Jugendlichen und die meisten Surfer (falls sie es noch schaffen vor Mittag aufzustehen, wenn die Welle sowieso schon nicht mehr gut ist) surfen dort nur, um sich zu präsentieren. In Praia Galheta hatte ich meine erste Tube seit Jahren wieder einmal; die Welle ist nicht zu unterschätzen und kann locker 2 Meter hoch werden und ist massiv. Praia Galheta ist auch ein optimaler Ort, um wieder einmal ein paar kontrollierte Wipeouts durchzuführen, um die Angst vor der massiven Welle zu verlieren, da es ein Beachbreak ist und sich praktisch keine Steine auf dem Meeresgrund befinden.

Praia Mole: Treffpunkt der Schönen und Reichen. Mit seinen Bars optimal für Jugendliche. Anscheinend ist es die Hauptattraktion auf der Insel (für uns zwar überhaupt nicht)J. Eher ein kleiner Strand, jedoch sicher 3-4 Mal grösser als Praia Galheta. Für beide Strände gibt's ausreichend Autoparkplätze, die einen in etwa 5-10 USD pro Tag kosten. Wenn man Surfen geht, lohnt es sich früh (ca. 6.30 Uhr) am Morgen dort hin zu fahren, zu parkieren, ein paar Stunden zu surfen und dann einfach los zu fahren; so als hätte man nichts gesehen oder gehörtJ.

Praia Lagoinha do Este: Zugang im Prinzip nur zu Fuss, über einen mittelschwierigen Pfad der über einen Hügel führt; ca. 45 Min – 60 Min. Marsch. Eine Infrastruktur gibt es nicht, jedoch hat so ein Typ (manchmal?) einen kleinen Verkaufsstand, wo er Bootstickets für die Überfahrt an einen der nördlichen oder südlichen Strände offeriert und auch gekühlte Getränke verkauft. Wenn der Wellengang nicht zu grob ist, hat man nämlich auch die Möglichkeit mit dem Boot an und von dem Strand zu gelangen. Das ist für viele Leute eine lebensnotwendige Option, denn die meisten unterschätzen den Fussmarsch über den Hügel. Der Strand selbst muss man meiner Meinung nach nicht besuchen wegen der Schönheit, jedoch sicherlich wegen der Wellen. Wenn der Swell aus der richtigen Richtung kommt, tosen perfekte 3-4 Meter Tubes in diesen halben Beachbreak und Point hinein. Der Zugang ist meiner Meinung nach nur für Experten oder wirklich gute Surfer mit viel Erfahrung, denn man muss den Klippen entlang paddeln, weil dort die Weisswasserwelle kleiner ist, und dann hinter dem grossen herausragenden Felsen darauf warten, bis das grosse Set vorbei ist und dann mit Turbo hinter die brechende Wellenwand paddeln. Ansonsten wird man von der Welle erfasst und unsanft gegen die Felsen geschmettert. Ist man einmal hinter der Wand ist der Einstieg ziemlich einfach, denn eine Strömung zieht einem nicht zu schnell weg vom Felsen parallel dem Strand entlang in das Zentrum das Strandkessels. Die meisten Surfer haben einen Ride und müssen dann mit dem Weisswasser wieder an den Strand zurück und die Rundreise von neuem beginnen. Somit kann man, je nach Kondition, vielleicht 2-5 Wellen surfen bevor man eine Pause einlegen muss.

Wir sind noch an einigen weiteren Stränden vorbeigefahren, mit Bus und Auto, aber die oben erwähnten waren diejenigen, welche wir bewusst aufgesucht hatten. Was ich hier erwähnen wollte, ist dass viele Surfer behaupten, dass es in Brasilien keine guten Wellen gibt. Ich habe nun doch schon ein paar Orte auf der Welt gesehen und vielleicht hatte ich unglaublich viel Glück, aber die Wellen an den Stränden Florianópolis waren alles andere als schlecht. Im Norden der Insel scheint der Tourismus ausgeprägter zu sein, da man dort Hotel an Hotel gereiht findet und sich viele Gäste dort nieder lassen.

Wir waren natürlich nicht nur auf der Suche nach Wellen, wir wollten uns einfach wieder einmal von den Reisestrapazen erholen. Das tönt für die arbeitende Leserschaft fast schon nach Blasphemie und ich bin mir sicher, dass sich einige an dieser Stelle wünschten, sie wären in Brasilien an der Sonne und könnten ein bisschen in der Welt herumreisen; wir würden aber mit niemandem tauschen, jedoch sind wir doch etwas müde geworden vom andauernden Planen, Einpacken, Auspacken, neue Leute treffen und nie etwas Festes zu haben. Und da erstaunt es nicht, dass uns 10 Tage an einem Ort, wie so eine Art Ferien vorkommen. So werden wir es in Zukunft auch handhaben. Es lohnt sich allemal, länger an einem Ort zu bleiben, als alle möglichen Ort in kürzester Zeit abzuhaken.

Wie schon oben erwähnt, waren wir äusserst zufrieden mit unserer Unterkunft und mit unserer Gastgeberin Ida, die keine Mühe scheute, um uns den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Ihr Mann Eric ist ursprünglich aus Deutschland, hat vermutlich jedoch die meiste Zeit seines interessanten Lebens im Ausland verbracht. Er hat noch zu einer interessanten Zeit vor 20-30 Jahren die Chance gepackt und die Welt umrundet. Stationen seiner erlebnisreichen Reise beinhalten Singapore zu Zeiten der Matrosenkultur, Minenarbeiter in Zentralaustralien, Studium und später Professor der englischen Literatur in den vereinigten Staaten. Er lebt heute, was kaum zu glauben ist hört man seine Erzählungen, in Brasilien mit Ida. Sein Erbe zeugen ein paar Tausend Bücher, welche an der Qualität der Literatur die meisten Bibliotheken und Buchläden Südamerikas in den Schatten stellen.

Nachdem sich die gut gebauten männlichen Päärchen langsam ihren Heimweg antraten kamen Matty & Jessica, ein frisch vermähltes Päärchen aus Neuseeland mit welchen wir die meiste uns verbleibende Zeit verbrachten. Wie so oft, wenn man mit ungefähr gleichaltrigen Leuten spricht, die auch länger reisen, sind die Beweggründe der Reise erschreckend identisch. Die meisten haben sich bei der Arbeit den Arsch aufgerissen, 80 Stunden die Woche gearbeitet und sicherlich viel verdient, aber sind total ausgelaugt. Matty, auch ein ehemaliger Surfer, und Jessica haben jahrelang in London gearbeitet und sich die wohlverdiente Auszeit gegönnt. Matty und ich haben uns sofort gefunden, und nachdem er sich ein neues Surfbrett gekauft hatte, waren unsere Morgen ausgeplant mit Surfen, währenddem unsere Frauen ausschlafen durften. Nach dem Surfen brachten wir das Morgenessen und wurden meistens für unsere Absenz entschuldigt J. Der Vorteil war, dass sich Matty und Jessica ein Auto mieteten und wir davon Gebrauch machen konnten.

Wir haben fast jeden Tag zusammen mit ihnen gekocht. Einer hat den Grill angeschmissen und jeder hat irgendetwas gekocht und zum Festmahl beigetragen. So konnte man von anderen Kulturen und ihren kulinarischen Spezialitäten profitieren und einiges dazu lernen. Wir lernten endlich, wie man eine wirklich leckere Guacamole zubereitet und wir zeigten den Neuseeländern, wie man eine italienische Tomatensauce macht. Bald gesellten sich interessierte Gäste und Ida zu den Vorkostern und so ergab es sich eines Abends, dass alle Gäste und Ida je ein bis zwei Gerichte kochten und diese dann in der Gartenpergola  zusammengetragen wurden. Was uns alle sehr mundete war der gekochte leicht ausgehöhlte Kürbis von Ida, welcher gefüllt war mit Shrimps an einer Käse-Kräutersauce und die Riesenmuscheln als Vorspeise zusammen mit Wein und Zitrone. Es ging uns wirklich sehr gut in den 11 Tagen, die wir uns dort aufhielten. Die Leute waren alle auf der gleichen Wellenlänge; es kamen noch Freunde aus Argentinien, eine sehr nette Familie aus Argentinien, 3 ältere Brasilianer und weitere illustre Gäste.

Was natürlich in Brasilien an den Stränden nicht fehlen darf sind die engen Badehosen der Typen. Wir wollten Euch den Anblick natürlich nicht ersparen und haben einige Bilder geschossen. Es gibt für mich fast nichts Grässlicheres als Männer in engen Badehosen. Teilweise noch fast transparent und oft in Weiss stolzieren die Herren der Schöpfung dem Strand entlang, an einem Arm die Braut in Tangas (was natürlich ein ganz anderer und meist angenehmer Anblick) mit der freien Hand kontinuierlich am Ausrichten des besten Stücks am Manne. Dabei müssen die Herren länger fingern, als sie es jemals zugeben würden; so viel ist auch bei den Brasilianern nicht in der Hose und bis wir nach Brasilien gekommen sind, hatten wir ja keine Vergleichsmöglichkeiten J. Besser Bilder von hemmungslos halb entblössten Menschen aus Brasilien kann man jedoch in unserem Album über Rio de Janeiro sehen. Zur Verteidigung der Kultur der engen knappen Badehosen muss man natürlich anmerken, dass es, wie wir ja in unzähligen Dokumentarfilmen aus der Vorkriegszeit der letzten Jahrhundertwende erkennen können, klar einmal Mode war.
Bezüglich Essensbeschaffung würde ich es so beschreiben: gleich an der Strasse wo wir wohnten waren die lokalen Geschäfte sehr überteuert, jedoch gibt es im eigentlichen Barra da Lagoa nach dem Meer zwei sehr günstige Frucht- und Gemüsestände. Es lohnt sich daher seine täglichen Rationen an Gemüse und Früchten, Brot und Wasser lokal zu besorgen. Wenn man jedoch länger an diesem Ort zu bleiben gedenkt, ist es weise sich mit Ida abzusprechen und mit ihr oder einem Gast mit einem Auto kurz in einen der wirklich grossen und billigen Supermärkte der Insel zu fahren und Fleischwaren, Öl, Gewürze, Konfitüre, Honig, weiss der Himmel was zu kaufen. Guten und günstigen Fisch kauft man am besten am Morgen auf dem Fischmarkt in Florianópolis, obwohl es auch in Barra da Lagoa lokale Fischhändler gibt, die Fisch verkaufen. Gemäss Matty ist das Problem des lokalen Fischverkaufs, dass die Verkäufer den Fisch entweder am Markt einkaufen und dann notwendigerweise teurer verkaufen oder nicht die gewünschte Auswahl an Fisch haben. Die Auswahl an verschiedenen Fischen ist nicht überwältigend, die angebotenen Riesencrevetten jedoch sind der absolute Hammer und relativ günstig. Und wenn man sich schon im Fischmarkt befindet, kann man sich gerade noch einen frisch gepressten Saft aus Caña und Limetten gönnen. Dabei werden Caña Stücke (eine Art Bambus) mit einer hydraulischen Presse in die Mangel genommen und zusammen mit Süssholz zu einem Saft gepresst und mit Limettensaft gemischt. Der Fischmarkt befindet sich im gelben überdachten Gebäudekomplex gleich auf der gegenüberliegenden Strassenseite der lokalen Busstation. Der Komplex beherbergt weitere Stände mit Ramschware und geklauter oder Graumarktelektronik.

Unsere nächste Destination war gegeben durch ein weiteres Flugsegment unserer Weltumrundung und würde Rio de Janeiro sein, welches noch weiter nördlich von Saõ Paulo liegt. Wir waren froh, dass wir zur Nachkarnevalszeit ankommen würden, denn damit relaxten sich die Preise der Hostels immens. Nach Rio de Janeiro gibt es einen direkten Bus, der aber doch nicht so direkt ist (haben wir das nicht schon irgendwo einmal gehabt?) und eine intelligente und viel kostengünstigere Verbindung via Nachtbus nach Saõ Paulo (12h) und dann mit einem der im Viertelstundentakt losfahrenden Busse nach Rio de Janeiro (5h). Die Busfahrten in Brasilien sind, wie schon anderswo erwähnt, ungemein teurer als in anderen Ländern Südamerikas und daher entschieden wir uns immer für die schlechteste Klasse. Das bedeutet, dass man einen nicht wahnsinnig grosszügigen Sitzplatz kriegt, dessen Rückenlehne man circa 30°-40° nach hinten kippen kann. Es gibt keine erhöhte Fussstütze, wo man die Füsse abstellen könnte, damit es einem nicht die Hauptader in den Kniekehlen abdrückt und nach zwei Stunden ein Gefühl des Erwachens aus einer Spinalnarkose aufkommt. Die Stühle besitzen auch keine genug grossen Unebenheiten, wo man seine Füsse die Schwerkraft entlastend ohne Muskelkraft ablegen könnte, um die Oberschenkelmuskulatur zu lockern und zu vermeiden, dass das üble Kribbeln aufkommt, dass vor allem ältere Leute mit schlechterer Durchblutung kriegen, wenn sie länger regungslos an einen Sitz gebunden sind; auch wenn ich mich nicht als sonderlich alt bezeichnen möchte, kenne ich das leidige Gefühl bestens. Ein regungsloses Bein das einem während der ganzen Fahrt kribbelt und einem den Schlaf raubt.

Wir organisierten alles per Internet und mit der unglaublichen Hilfe von Ida, die uns die Bustickets per Telefon organisierte. Ich kam langsam an den Punkt, wo ich etwa 20% des Portugiesischen verstand, aber um ein sinnvolles Telefongespräch mit jemandem zu führen, der den ganzen Tag nur Bustickets verkauft und sich dementsprechend schnell und kurz fasst, hätte es nicht gereicht. Es war ein etwas harter Abschied, denn vieles hatte einfach gestimmt: Ida und Erik, zwei unglaublich nette und hilfsbereite Menschen, Matty und Jessica die uns ans Herz gewachsen waren und die hervorragenden Wellen, welche unüblich für diese Zeit im Süden Brasiliens an die Küste brausten. Dennoch verliessen wir den Ort auch mit Freude, denn schon bald stand für uns der grosse Abschied von Südamerika an und ehrlich gesagt, wir sind nicht wahnsinnig traurig darüber; doch dazu später noch mehr in einem separaten Bericht in Form eines Fazits der Reise durch Südamerika. Was im Moment der Abfahrt für uns jedoch noch viel erfreulicher war, war die Tatsache, dass diese zwei Busreisen bis nach Rio de Janeiro unsere zwei letzten für eine sehr lange Zeit sein würden. Ich möchte gar nicht nachrechnen, wie viele Stunden wir in Bussen verbracht hatten bis zu diesem Zeitpunkt. Netterweise wurden wir von Matty und Jessica ans Busterminal in Florianópolis gefahren und mussten so nicht unser schweres Gepäck von Bus zu Bus schleppen.

Gute Nacht, am Morgen würden wir in Saõ Paulo sein und am Mittag schon in Rio. Während wir regungslos in den unbequemen Sitzen ausgeliefert darauf warten, dass sich unser Hirn unser erbarmt und in die Schlafphase versetzt, kann sich der wache Leser hier an unserer Bilderserie ergötzen:

Samstag, 2. Februar 2008

Brasilien: Sao Paulo

Nach über einem halben Jahr Reisen im Spanisch sprechenden Teil Südamerikas wurde es Zeit, die Sprachgrenze zum ersten Mal in Form eines kurzen Besuchs in Brasilien zu überqueren. Aus verschiedenen Gründen hatten wir uns entschieden, den Aufenthalt in Brasilien auf nur drei Wochen zu beschränken (in etwa die Zeit, die ein Reisender im Durchschnitt aus Europa in diesem Land verbringt): Ganz klar ein Hindernis würde uns die Sprachbarriere sein, aber die schiere Grösse dieses facettenreichen Landes ist einschüchternd genug. Es ist als landete man irgendwo in Europa und hätte jetzt drei Wochen zur Verfügung, um sich etwas darin, inklusive eines nicht vernachlässigbaren Teils Russlands anzugucken. Ich würde im Falle von Europa sicherlich ans Meer fahren, Kroatien, Italien und Griechenland beherbergen wunderschöne Strände. Würde man einen Nordamerikaner fragen, dann würde dieser mit grösster Wahrscheinlichkeit Paris, Rom, Berlin, London, Barcelona und Athen angeben, weil sehr viele geschichtliche oder politische Schulbücher in den Vereinigten Staaten immer diese Städte erwähnen.

Nun, wir sind aus Europa und stehen jetzt vor einer ähnlichen Entscheidung, denn auch in Brasilien gibt es unzählige sehenswerte Städte und der Vorteil ist, dass sich viele dieser entlang der über 6000km langen Küste Brasiliens befinden. Wer schon einmal quer durch Australien oder Afrika gefahren ist, der kann sich vorstellen, wie immens gross dieses Land ist und zu allem Unglück müssen die in Brasilien noch eine so unnötig komplizierte und zumindest für Sebnem und mich hässliche Sprache sprechen. Wir entschieden uns, gegeben durch unsere Oneworld Flugsegmente von Buenos Aires nach Sao Paulo und von Rio de Janeiro nach Santiago de Chile wenigstens diese zwei Kapitalen der Verkörperung der brasilianischen Kultur zu besuchen. Witzigerweise oder vielleicht auch weniger betrachtet man die Hostelpreise während dieser kurzen Überhochsaison fiel unsere Reise nach Brasilien genau auf die Karnevalszeit. Wir haben vermutlich so ziemlich alles falsch gemacht, was man in dieser Zeit als Tourist falsch machen kann: Last-Moment Buchung einer Unterkunft irgendwo in Brasilien bis 50km weit ins Landesinnere, keine Tickets für den Sambadrom (dazu gleich mehr) gekauft und die Preise unterschätzt. Hier aber gleich zur Beruhigung: Wir haben alle unsere Organe noch, wir wurden nicht überfallen, niedergestochen oder sonst irgendwie angegriffen und wir hatten eine sehr gute und interessante Zeit in Brasilien. Mit vielen NZZ Folios über die Favelas (slumartige Stadtviertel von 30% der Bevölkerung Rio de Janeiros) und ausgezeichneten Filmen wie City of God [LINK] oder Touristas [LINK] werden Leute immer wieder auf die Brutalität und Gewalt, welche auf den Strassen Sao Paulos oder Rio de Janeiros alltäglich sind, hingewiesen. 70%-90% (die Zahlen schwanken leider sehr je nach Quelle sind aber nicht minder traurig) der Jugendlichen in den Favelas erreichen das 25ste Lebensjahr nicht. Wir planten definitiv keinen Besuch dieser slumartigen Stadtviertel.

Irgendwie hat es Sebnem wieder geschafft uns ein einigermassen günstiges (für die Verhältnisse während der Karnevalszeit) Hostel zu organisieren. Geht man auf eine der Buchungsseiten von Hostels (http://www.hostelbookers.com/, http://www.hostels.com/, http://www.hostelworld.com/) erschlagen einen die Preise fast und die Konditionen versetzen einem den Todesstoss; 6 Tage muss man im Minimum buchen (vor allem in Rio de Janeiro) und so ein Platz in einem 12-er Dormitorium kann einem mit rund $60-$120 USD pro Nacht und Person zu buche schlagen. Dann hat man einen Schlafplatz, ist aber noch weit davon entfernt den Karneval zu sehen. Naïv wie wir beide waren – im Nachhinein fanden wir heraus, dass viele andere Reisenden die gleiche illusionistische Vorstellung hatten – dachten wir, dass wir dann einfach die Strassen mit den halbnackt herumtanzenden und festlich gekleideten hübschen Damen suchen und uns zu der Menschenmenge hinzugesellen. Falsch gedacht, der typische Karneval scheint im Süden Brasiliens kommerzialisiert zu sein und wenn man die sexy Girls und Boys der verschiedenen Schulen sehen möchte, dann muss man sehr tief in die Tasche greifen; im Nachhinein etwas verständlicher. Das Spektakel spielt sich nämlich in Sao Paulo und Rio de Janeiro in einem so genannten Sambadrom ab. Das Sambadrom ist ein in die länge gezogenes rechteckiges mit Flutlichtern und einer monstermässigen Beschallungsanlage versehenes Stadium, welches gut einen Kilometer lang ist. In der Mitte führt die Paradestrasse und beidseitig türmen sich die Tribünen entlang der Strasse mit verschiedenen Plätzen, die Preise von erschwinglich bis fast schon lächerlich. Die Show beginnt so gegen 22.30 Uhr und geht sicherlich länger als die meisten Partyleute vertragen. Wir haben uns (ich besoffen, wie mein ehemaliger Schulkollege in Chicago Andreas Wietasch richtig kommentiert hat in der Bilderserie, und Sebnem sichtlich ermüdet) so gegen 3 Uhr morgen auf den Rückweg gemacht. Möchte man hingegen den Karneval auf den Strassen sehen, ist uns gesagt worden, dass die Stadt Salvador in der Nähe von Recife den Karneval so feiert; sicherlich einen Besuch wert.

Ich fand es noch witzig, wie wir an das Spektakel in Sao Paulo gelangt sind. Sebnem wollte schon immer an den Karneval und Rio de Janeiro war einfach finanziell nicht in unserem Segment. Zudem waren wir ja in Sao Paulo und dort gab es auch Karneval. Dieser dauert im Normalfall etwa knapp eine Woche, wobei nur in den ersten beiden Tagen die professionellen Schulen ihre Tänze, Trachten und Kultur zum Besten geben. Es lohnt sich also Tickets für diese Tage zu kaufen. Der Kauf des Tickets kann sehr interessant sein. Es gibt verschiedene Kategorien, aber so richtig verstanden haben wir das nicht wirklich. Für interessierte gibt es auf dieser Website eine Übersicht. Wir waren in Sektor B, ziemlich am Anfang, wo sicher alle Schulen vorbeikommen (einige Teile der Gruppierungen verlassen die Paradestrasse seitlich schon etwas früher, wie zum Beispiel die Trommlerformationen). Es sind unnummerierte Sitzplätze, aber am Karneval setzen nicht einmal die 80-jährigen vor 2 Uhr morgens hinJ.

Wir schlenderten so langsam zurück ins Hostel und wogen ab, ob wir versuchen sollten, einfach einmal zum Event zu fahren, um zu sehen, ob man vielleicht trotzdem noch einen Platz ergattern kann; die Tickets waren nämlich komplett ausverkauft. Wir trafen noch zwei Iren, welche zuvor für 120 Reais (rund $70 USD) pro Person auf dem Schwarzmarkt Tickets ergattert hatten und schon halb auf dem Weg Richtung Sambadrom waren. Wir entschieden uns dann es einfach zu versuchen und hasteten zur Metrostation. Dort fuhren wir zur Station Portuguesa-Tiête, dem Bushauptterminal Sao Paulos. Von dort aus kriegt man von irgendwelchen Leuten gratis Bustickets die einem direkt zum Sambadrom fahren. Schon als wir ausstiegen kamen zahlreiche fragwürdige Gestalten auf uns zu und fragten uns ob wir noch Tickets brauchten. Wie uns der Alltag in Südamerika bei grau-schwarzen Geschäften immer wieder bestätigte, observiert man das Geschehen und den Händler zuerst einmal unbeeindruckt und völlig desinteressiert. Darauf folgt ein kurzer obercooler bestätigender Blick, dass man an einem Deal interessiert sein könnte und der Rest ist schauspielerische Kunst (jede Partie scheint den anderen davon zu überzeugen, dass er zu Hause eine 10-köpfige Familie durchzubringen hat und wenn der Preis weiter zu dessen Ungunsten ausfällt, diese unter das Existenzniveau fielen und so weiter und so fort). Das ganze Hin und Her klappt meistens besser, desto fliessender man die landestypische Sprache beherrscht. Unser Portugiesisch ist auf dem Nullniveau, vor allem am zweiten Tag in Brasilien. Man versteht zwar erstaunlich viel, wenn man es liest aber die Brasilianer geben einem nicht genügend Verschnaufpausen, um ihre Orationen im Hirn nach Erkennen eines Wortes ausreichend zu verarbeiten, damit man annähernd etwas verstehen würde. Trotzdem fanden wir es geschickter, die Leute in Brasilien auf Spanisch als Englisch anzusprechen (die meisten sprechen ungemein besser Englisch als Spanisch, oder tun zumindest so wie die Romands in der Schweiz J), denn mit Englisch ist man immer als abzuzockender Gringo abgestempelt.

Wir kamen in Kontakt mit einer Frau, welche schwarz Tickets für 120 Reais pro Person im Sektor B anbot. Sie folgte uns und versuchte uns erfolgreich von der Authentizität der Eintrittstickets auf halb Spanisch halb Portugiesisch zu überzeugen. Sie lief mit uns bis zum ersten Eingang, wo sich die mehrere Hundert Meter lange Schlange Besucher bildet und verifizierte mit einem Ticketkontroller die Echtheit der Tickets. Unterwegs handelten wir den Preis herunter bis auf 105 Reais (bei legalem Kauf hätte es 80 Reais gekostet) pro Person, kauften die Tickets und standen in der richtigen Schlange an. Die Schlange mit den A und B Tribünenplätzen war aber elend lang und einige Schlaumeier kletterten über die Absperrung und folgten den anderen Leuten mit anderen Kategorien, welche um einiges schneller vorwärts zu kommen schienen. Sehr zum ihrem Nachteil, denn ein paar Hundert Meter weiter vorne wurden sie rigoros wieder zurückgeschickt und mussten hinten anstehen. Da der ankommende Strom von Menschen nicht abzubrechen schien, verloren diese Leute sehr viel Zeit. Zu diesem Schlaumeiern gehörten auch unsere zuvor getroffenen Iren, welche wir verdutzt auf halber Strecke trafen. Wir liessen sie auf unserer Höhe über die Absperrung in die Schlange eingliedern, welches von hinten mit viel Missmut und wütenden Stimmen begleitet wurde. Wir erklärten den Leuten, dass es unsere Freunde wären und sie nur kurz etwas erledigen mussten und die Lage beruhigte sich wieder. Das bescherte mir das erste Gratisbier an diesem Abend, eines der vielen zu viel Getrunkenen J.

Irgendwann kommt man dann an den richtigen Eingang, wo man das Ticket abliefert und sich möglichst schnell auf die Tribüne begibt, um einen optimalen Platz zu ergattern. Wir waren leider schon etwas später unterwegs und kamen etwa eine Viertelstunde vor Beginn des Spektakels an. Somit durften wir mit den hinteren Tribünenplätzen vorlieb nehmen. Das ist an und für sich nicht ein grosses Problem, ausser man möchte ganz klare und scharfe Bilder der klinisch hergerichteten Busen der braungebrannten Ladies knipsen oder Schattenkonturen der 12-packs der Boys in knappen weissen Höschen auf Bildern festhalten.

Der Ablauf ist in etwa folgender: Es gibt eine mir unbekannte Anzahl Staffeln mit einer mir ebenfalls unbekannten Anzahl Schulen, die ihr tänzerisches Können und ihrer Umsetzung eines Themas zum Besten geben. Zu Beginn jeder Staffel gibt's ein Feuerwerk und die stereotypische Sambamusik für die Staffel wird eingedröhnt. Diese gleiche Musik wird dann solange wiederholt, bis alle Schulen der Staffel durch die Paradestrasse getanzt sind. Abschliessend kommen die städtischen Kehrichtmänner und –frauen und räumen gleich hinterher tanzend den gröbsten Dreck auf. Dann gibt es eine Pause von rund einer Viertelstunde, die nächste Musik der nächsten Staffel wird eingedröhnt und wiederum tanzen neue Schulen mit ihren immensen und wunderschön gestalteten Wagen vorbei; ehrlich gesagt sind die Wagen der Loveparade, der Streetparade oder jedes Karnevalumzugs den ich je gesehen habe ein Witz im Vergleich zu diesen liebevoll gebauten Vehikeln, die teils mit Motorenkraft und oftmals mit Hilfe purer Muskeln der Strasse entlang gestossen werden. Auf den Vehikeln türmen sich meistens ein Dutzend Tänzer auf Schwindel erregender Höhe auf kleinen hervorstehenden Plattformen und geben ihr Bestes. Die Leute, die ihre Schule erkennen jubeln ihren Stars zu, alle tanzen und viele singen. Es wird mit selbst aufgeblasenen Luftröhren (Achtung: hat man wie in meinem Fall schon ein paar Biere in sich gekippt kann das Unterfangen des Aufblasens einer solchen Röhre ein Balanceakt sein) umher geworfen oder gewedelt, Pappteller und Werbekartons fliegen durch die Luft, kleine ungefährliche Feuerwerkskörper und Wunderstäbe werden gezündet und die Menschenmenge konvertiert in eine im Delirium versunkene Masse ausgelassener Individuen. Die meisten Männer mit enormen Bierbäuchen ziehen spätestens nach der zweiten Staffel und dem zehnten Bier ihre übergrossen T-Shirts aus, damit die mit nicht ins Maul getroffene Bier und Schweiss getränkten Brusthaare gut als Kontrast in die sonst farbenfrohe Menge passt; oft prallen einige der entblössten Bäuche zusammen, aber stören tut's keinen. Eine Staffel dauert, so weit ich mich erinnern kann, rund eine bis eineinhalb Stunden.

Nach ein paar Staffeln hat man es jedoch gesehen. Es ist immer das gleiche und die Sambamusik macht einem zusammen mit dem Alkohol mürbe im Kopf und willenlos. Diese Tatsache unterstreicht das ungebremste Bevölkerungswachstum der Brasilianer. Wir waren nach gut vier Stunden mürbe und zumindest der männliche Teil unserer Gruppe (die Iren hatten sich zu uns gesellt), dass heisst alle ausser Sebnem, war ziemlich besoffen. Wir machten uns gemeinsam auf den Rückweg, um die Kosten der Taxifahrt durch vier teilen zu können. Unterwegs fing der eine irische Kollege an mit dem Fahrer zu diskutieren und bis zum Zeitpunkt, wo der andere irische Kollege eine Zigarette im Auto rauchen wollte, war alles ziemlich ruhig. Der Fahrer wollte aber nicht, dass man in seinem Auto raucht und machte dies lautstark publik. Durch den Alkoholeinfluss wirkte die Antwort des Kollegen auf diese Bitte gleich lautstark und negativ. Das war etwas ungünstig, denn wie so oft in Südamerika fühlen sich die Leute sofort verbal angegriffen und lassen ihre Unmut in einem lauten Wortgewitter freien Lauf. Der Ire auf dem Vordersitz wollte natürlich gegen argumentieren und verfehlte damit den Punkt, dass wir vier überhaupt keine Rechte in diesem Taxi hatten und uns in eine sehr ungünstige Position verfrachteten, mitten in der Nacht in Sao Paulo auf einer Strasse, die wir nicht kannten. Es gelang uns den Iren zu beruhigen und die Diskussion auf Fussball umzulenken, ein Thema das dem Fahrer sofort einen Sonnenschein ins Gesicht zauberte, umso mehr als der zuvor heftig diskutierende Ire die brasilianischen Fussballer huldigte. Ende gut alles gut, wir kamen lebendig an und fielen müde und glücklich endlich einen Karneval in Brasilien miterlebt zu haben ins Bett.

Der nächste Tag gestaltete sich mit einer von Sebnem dirigierten City Tour. Zu den von kommerziellen Anbietern angebotenen City Tours gibt’s folgende Informationen: Es gibt keinen typischen City Bus, wie in manch anderen Städten. Die Auswahl der Anbieter ist so vielfältig wie die Farben des Karnevals. Zu den Preisen hier ein Beispiel: Es gibt eine Tour von SP Tours, die kostet sage und schreibe R$ 260.00 ($150 USD) für zwei Personen für 3 Stunden, R$ 320 für 4 Stunden und R$465 für 5 Stunden. Gemäss Auskunft ist diese Tour sodann auch nur für zwei Personen gedacht. Andere Touren füllen teilweise einen kompletten Bus mit Leuten. Eine alternative Möglichkeit bietet sich am Wochenende: Turis Metro. Hier muss man zu einem bestimmten Zeitpunkt an der Metrostation Sé sein und von da aus starten diverse Touren mit einem Guide. Das ganze wird per Metro durchgeführt, das Ticket muss selbst bezahlt werden. Ein Metroticket kostet R$ 2.30.

Sao Paulos Strassen sind übersäht mit Obdachlosen, vor allem Kindern und Jugendlichen. Es gibt einem teilweise schon ein Gefühl von Unwohlsein. Man sollte Augenkontakt vermeiden, denn sobald man Kontakt hergestellt hat, kommen sie auf einen zu und betteln unaufhörlich. Die angenehmen Bettler fragen kurz nach dem Getränk, das man zum Beispiel in der Hand hält und so etwas kann man getrost geben, aber man sollte (solange man nicht mit Waffen bedroht wird) generell kein Geld geben. Ich habe diese elenden Zustände in verschiedenen Ländern in Asien und Afrika gesehen, aber so richtig daran gewöhnen werde ich mich wohl nie. Mit direkter Geldspende auf der Strasse hilft man aber nicht, zumindest nur temporär. Das Problem verschiebt sich einfach. Kleines Beispiel aus der Realität: Das Leben der Obdachlosen in solchen Agglomerationen hat bedauernswerterweise so geringe Bedeutung, dass wenn man jemanden etwas Geld gibt, dieser unter Umständen von anderen Obdachlosen oder Stadtviertelbossen dafür genötigt oder umgebracht wird. Langjährige etablierte Hilfswerke bieten da eine viel flächendeckendere und zeitlich währende Unterstützung. Generell sollte man als Tourist vermeiden nachts durch die Strassen Sao Paulos zu schlendern. Wie eingangs des Abschnitts erwähnt, machten wir ein kleines persönliches Sightseeing am letzten Tag: Theatro Municipal, Catedràl de Sé und die Luz Zugstation.

Wir waren in einem Hostel nahe einer solchen nächtlich gefährlichen Zone Sao Paulos quartiert, dem Sao Paulo Downtown Hostel. Das Positive zuerst: die Betten sind gut und das Frühstück sehr reichhaltig. Weniger optimal schien uns, dass der Internetzugang nicht gratis war, obwohl man mit einem persönlichen Laptop nur die Hälfte bezahlen musste. Der lausige Pooltisch in der in Renovation befindlichen Küche war nicht gratis, die Küche praktisch unbrauchbar. Aber das wirklich ganz Üble an diesem Aufenthalt in diesem Hotel war, dass wir obwohl wir per Hostelbookers 10% im Voraus bezahlt hatten, den kompletten Betrag für die Übernachtung entrichten mussten. Die Angestellten wollten uns weiss machen, dass sie das Geld nie von Hostelbookers kriegen würden und wir diese 10% als Reservationsgebühr bezahlten. Hostelbookers verlangt aber selten (in unserem Fall nie) eine Gebühr und wenn, dann ist diese separat auf dem Reservationsbeleg aufgelistet, welchen wir dem ungläubigen Mitarbeiter unter die Nase hielten. Dieser aber wollte das nicht glauben und so mussten wir den kompletten Betrag bezahlen. Wir meldeten dies bei Hostelbookers und diese haben sich prompt eingeschaltet und das Hostel um eine Rückerstattung des Betrages geboten. Wir warten bis heute noch auf den ausstehenden Betrag und geben in dieser Sache nicht so leicht nach.

Am Abend des dritten Tages ging es weiter nach Florianopolis, um endlich das Strandleben Brasiliens zu geniessen. Per Zufall stiessen wir auf eine unglaubliche Unterkunft in Barra de Lagoa auf der Insel Florianopolis, deren Besitzerin uns per Telefon einen sehr guten Eindruck hinterliess. Doch dazu mehr im folgenden Bericht. Richtung Florianopolis hat man folgende Auswahl an Busgesellschaften: Catarinense / 1001 und Reunidas Transporte. Richtung Rio de Janeiro gibt es viele Möglichkeiten mehr, unter anderem Expresso Brasilerio, Expresso do Sul, Itapemirim und 1001. Die Preise für Busfahrten in Brasilien sind verglichen mit anderen Ländern Südamerikas horrend und kommen meistens in die Nähe eines halben Flugtickets der gleichen Strecke; bei einer Fahrt von 40 Stunden nach Salvador kann dies ein entscheidender Faktor für den Flug sein.

Wir fuhren am Abend los Richtung dem 12-14 Stunden entfernten Florianopolis. Zuvor am Busterminal lernten wir noch eine (für mich zumindest sehr ungeschickte) Peruanerin kennen, die in die gleiche Richtung aber eine Stunde später mit dem bequemeren Semicama Bus fuhr, einen Luxus den wir uns bei einer so "kurzen" Busfahrt nicht mehr leisten J. Wir waren glücklich Sao Paulo zu verlassen, nicht unbedingt eine unserer Lieblingsstädten.

Hier die Bilderserie von Sao Paulo und unseres Karnevalbesuchs: